Energie & Umwelt

Plastikmüll: Vier Behauptungen unter der Lupe

plastik recycling

Dem Plastik geht es an den Kragen: Neue Gesetze sollen dem Einwegkunststoff den Garaus machen und das Plastikrecycling führt zu hitzigen Diskussionen. Zwei Experten kommentieren die vier häufigsten Behauptungen.

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Die Ankündigung im Juli machte Schlagzeilen: Starbucks will Plastik-Trinkhalme bis ins Jahr 2020 in ihren Filialen abschaffen. Grund dafür: Die amerikanische Kaffee-Kette will weniger Plastik-Müll produzieren. Bereits früher wird in Neuenburg das «Röhrli» verbannt. Ab Januar 2019 sind «les pailles» in den Bistros der Stadt verboten. Währenddessen diskutiert die EU über ein Verbot von Einwegplastik. Wir haben zwei Experten um ihre Einschätzung gebeten:

Die Experten

Thomas Heim

Der Recyclingspezialist: Dr. Thomas Heim ist Leiter des Zentrums für Ressourceneffizienz FHNW.

Christian Rytka

Der Kunststoffspezialist: Dr. Christian Rytka ist Dozent für Kunststoffverarbeitung am Institut für Kunststofftechnik FHNW.

Behauptung 1: Plastik lässt sich nicht wiederverwerten!

«Das stimmt so nicht», meint Christian Rytka. Grundsätzlich lassen sich Kunststoffe gut wiederverwerten. Bestes Beispiel ist die PET-Flasche. Im Vergleich zu Glas oder Alu ist der Energieaufwand beim Recycling relativ klein. «Das Problem ist die Vielfältigkeit des Plastiks», gibt Thomas Heim zu bedenken. Das macht eine sortenreine Trennung schwierig. «Verschiedene Anforderungen wie Farbe, Hitzeresistenz oder Stabilität haben dazu geführt, dass es diverse Kunststoffarten gibt», erklärt Christian Rytka, «die Recyclingfähigkeit eines Produktes sollte darum bereits bei der Entwicklung einen grösseren Stellenwert haben».

Behauptung 2: Verbote nützen nichts!

Verbote sind nicht die erste Wahl der Experten. Christian Rytka würde alternativ versuchen, das Konsumverhalten über den Preis zu beeinflussen, wie das bei den Plastiksäckchen erfolgreich praktiziert wurde. Thomas Heim schlägt vor, mit den Verpackungsherstellern Gespräche aufzunehmen und sie zu Lösungen zu motivieren. Ein Verbot von bestimmten Materialien würde er von klaren Kriterien abhängig machen: Zum Beispiel von der Auswirkung auf die Umwelt oder von der stofflichen Wiederverwertbarkeit eines Materials. Dass beispielsweise Plastik-Röhrchen nur einen Bruchteil des weggeworfenen Kunststoffs bilden, lässt Heim als Argument nicht gelten: «Jede Kunststoffart, die auf Grund der Verwendung oder der Beschaffenheit nicht zu mindestens 75% überprüfbar rezykliert wird, sollte näher unter die Lupe genommen werden.».

Behauptung 3: Gemischtes Plastiksammeln ist sinnlos!

Gegenwärtig kostet das Recyceln von gemischt gesammeltem Plastikabfall tatsächlich viel Geld und hat ökologisch einen beschränkten Nutzen. Ein Grossteil des Plastiks lässt sich nur mit hohen Kosten wiederverwerten und wird deshalb verbrannt. Ist gemischtes Plastiksammeln also wirklich sinnlos? «Nicht unbedingt», meint Thomas Heim, man dürfe nicht nur von der heutigen Situation ausgehen, sondern müsse auch langfristig denken: «Wie früher beim Bau der Kehrichtverbrennungsanlagen». Deponien waren damals viel günstiger. Trotzdem habe sich die Schweiz vorausschauend für den Bau von KVAs entschieden. Deshalb sollte man der Separatsammlung und Wiederverwertung von Kunststoff noch ein bisschen Zeit geben. Nicht zuletzt, weil er in der Bevölkerung einen klaren Willen zum Sammeln beobachtet.

These 4: Biokunststoffe sind die Lösung!

Für manche Einwegprodukte wie Mulchfolien oder Pflanzentöpfe machen Biokunststoffe schon heute Sinn. «Der Begriff Biokunststoff ist allerdings nicht klar definiert», sagt Christian Rytka. Plastik aus nachhaltigen Rohstoffen wie Stärke oder Cellulose wird unabhängig von seiner Abbaubarkeit genauso als Bio-Kunststoff bezeichnet wie abbaubare Polymere aus Erdöl. Auf jeden Fall spielen Bio-Kunststoffe heute noch keine grosse Rolle in der Verpackungsindustrie, da sie leider noch zu teuer sind. Zudem stellt sich die ähnliche Frage wie beim Biotreibstoff: Wie sinnvoll ist Plastik aus pflanzlichen Quellen, wenn für den Anbau beispielsweise Regenwald gerodet wird? Falls sich trotzdem Biopolymere durchsetzen würden, wäre es laut Thomas Heim wichtig, dass der Abfall gesammelt und einer Vergärung zugeführt wird. Landet der Biokunststoff einfach in der Verbrennungsanlage, wäre das eine Verschwendung der Ressourcen.

Was ist ihre Meinung zum Plastikmüll? Sollten wir die getrennte Plastiksammlung flächendeckend einsetzen? Wie passen sie ihr Konsumverhalten an?

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