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Nachlese Ausstellungsbesuch «Ein Knacks im Leben. Wir scheitern... und wie weiter?»

erstellt von alumni-fhnw-psychologie_admin zuletzt verändert: 31.01.2017 13:44

Am Donnerstag, 19.01.2017, fand der erste Anlass des Alumni-Vereins Angewandte Psychologie statt. Unter dem neuen Jahresmotto «Konfliktmanagement» besuchten gut 40 Mitglieder im Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon (SZ) die Ausstellung «Ein Knacks im Leben. Wir scheitern... und wie weiter?». Die angereisten Mitglieder erwartete ein überaus spannendes und abwechslungsreiches Programm, das in drei Teilen stattfand.

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Im ersten Teil der Veranstaltung hielt Prof. em. Dr. phil. Theo Wehner, Mitkurator der Ausstellung, ein Referat mit dem Titel «Scheitern im Kleinen: Irrtum, Pannen und Konflikte». Dabei beleuchtete der bekannte Arbeitspsychologe das «Scheitern» aus ganz verschiedenen Blickwinkeln und brachte das Thema den Anwesenden so näher. Zu Beginn führte er die Zuhörerinnen und Zuhörer in die Begrifflichkeit von «Scheitern» ein. Dabei zeigte er auf, dass es das Scheitern als Phänomen zwar seit Menschengedenken gibt, der Begriff «Scheitern» jedoch erst in der Moderne zum ersten Mal aufgegriffen wurde. Der Begriff stamme ursprünglich aus der Seefahrt. Wenn Holzschiffe auf einen Felsen auffahren, dann können sie an diesem zerschellen resp. zerscheitern. In der Folge treibt das zerborstene Holz, also die Holzscheiter, auf dem Meer. In der Moderne wurde dieses bildhafte Verständnis von Scheitern auf den Menschen übertragen. Menschen können mit ihren Vorhaben «Schiffbruch erleiden» und damit bildlich gesprochen wie ein Holzschiff auf dem Meer scheitern. Eine universale Definition des Begriffs existiere jedoch auch heute noch nicht.

 

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Referat von Prof. em. Dr. phil. Theo Wehner

Nach dieser Sensibilisierung auf die Begrifflichkeit näherte sich der Referent zusammen mit den Anwesenden der inhaltlichen Bedeutung des Wortes an. Dabei konnten die Anwesenden frei heraus in den Saal rufen, was für sie positiv am Scheitern sein könnte. Beispielhafte Antworten waren: «kurz innehalten», «neue Wege können sich auftun», «dass man sich selber besser kennenlernt» oder «dass man sich über spätere Erfolge mehr freuen kann». Durch diese einfache Übung wurde deutlich, dass Scheitern durchaus positive Aspekte haben kann. Und dennoch, das Erlebnis des Scheiterns brennt sich offenbar wesentlich stärker in unser Gedächtnis ein als Erfolg. Der Referent führte aus, dass man sich in der Regel wesentlich schneller an Scheitererlebnisse erinnere, als an Erfolgserlebnisse. Dies zeige sich z.B. daran, dass wenn man jemandem die Aufgabe stellt, so rasch wie möglich die persönlichen Scheitererlebnisse und Erfolgserlebnisse aufzuzählen, ersteres wesentlich schneller und akkurater vonstattengeht. Woran das wohl liegt? Kann es sein, dass sich Scheiter-Erlebnisse richtiggehend in unsere Biografie einbrennen?

Wann kann man überhaupt von «gescheitert» sprechen und was braucht es, um scheitern zu können? Theo Wehner erläuterte, dass man nur scheitern kann, wenn im Vorfeld eine Vorstellung von Gelingen existiert. Ein Scheitern ohne die Vorstellung von Gelingen ist also nicht möglich. Dementsprechend ist es eine Grundvoraussetzung, dass eine gescheiterte Person eine Einsicht bezüglich ihres «Gescheitert Seins» haben muss. Im Sinnbild des Schiffsunterganges meint dies die Einsicht, dass ein irreversibler Zustand erreicht wurde, also ein Gelingen fortan nicht mehr möglich ist. Mit einem zerscheiterten Schiff kann man nicht mehr zur See fahren.

Was ist also «Scheitern»? Ist Scheitern «gefährlich» für den Menschen? Oder hat das Scheitern auf der anderen Seite gar schöpferische Kraft? Gekonnt zeigte Theo Wehner auf, dass am Anfang vieler Erfolge, wie z.B. Erfindungen oder Entdeckungen, kein Gelingen in Form von geglückten Gedanken, Annahmen oder Handlungen stehen, sondern Fehler. Die Geschichte habe schon oft gezeigt, dass bahnbrechende Erfindungen selbst dann gelangen, wenn der Erfinder oder die Erfinderin zu Beginn von falschen Annahmen ausgegangen ist. Also selbst wenn am Anfang ein Fehler steht, heisst dies noch nicht zwangsläufig, dass man am Ende auch scheitert. Manchmal ist das Scheitern in einem Bereich sogar der entscheidende Baustein, um auf Neues zu stossen. Gehört Scheitern also auch zum Erfolg? Wichtig sei jedenfalls, egal ob Menschen fehlgehen oder scheitern, dass sie wieder in Handlung kommen und es weiter versuchen («try again»), wieder aufstehen und quasi dem Neuen die Chance geben, entdeckt zu werden. In diesem Zusammenhang ist natürlich auch Resilienz wichtig. Man ist erst dann gescheitert, wenn keine Versuche mehr unternommen werden, wenn der Mut und die Fähigkeit fehlen, selbst phantastische und visionäre Projekte beherzt anzugehen. Theo Wehner betont: «Jedes Projekt und jeder Versuch bergen in sich das Risiko zum Scheitern… aber auch das Potenzial zum Erfolg».

 

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Führung durch die Ausstellung

Nach dem zum Reflektieren anregenden Referat führte Theo Wehner die Anwesenden im zweiten Teil durch die Ausstellung und vertiefte die Auseinandersetzung mit dem Thema anhand verschiedener Stationen und Exponate. Dabei hob er die Rolle der Kunst bei der Auseinandersetzung mit dem Scheitern hervor: «Der Kunst gelingt es, den Fehler oder das Scheitern zu inszenieren». So waren bei einer Station beispielsweise Alltagsprodukte zu sehen, die in einem Detail nicht der Norm entsprechen, wie z.B. ein Teebeutel mit einem mehrfach zu langen Faden. Obschon dieser Teebeutel in Bezug auf dessen Zielvorstellung gescheitert ist, so ist er eben gerade aufgrund seines Scheiterns oder Makels ein Mehrfaches wertvoller, als die der Norm entsprechenden Produkte. Weitere Beispiele waren eine Tasse mit zwei Henkeln oder eine nicht runde Glasmurmel. Jede der verschiedenen Stationen der Ausstellung setzt sich mit dem Phänomen des Scheiterns und dessen vielfältigen Aspekten in ganz unterschiedlicher Art auseinander. Dies ermöglicht es den Besuchern und Besucherinnen, sich mit dem Thema und den dadurch entstehenden Fragen auseinanderzusetzen. Am Schluss der Ausstellung können die Teilnehmenden sogar noch einen Resilienztest durchführen und schauen, wo sie sich mit ihren Antworten im Vergleich zum Durchschnitt einordnen. Ist unsere gesellschaftliche Vorstellung von Scheitern tatsächlich die richtige und ist sie differenziert genug? Einige Exponate aus Asien befassen sich auch mit dem unterschiedlichen Umgang mit dem Scheitern in der asiatischen Kultur.

Die Ausstellung ist ein Plädoyer für eine Kultur des Scheiterns, für mehr Einsicht und Akzeptanz gegenüber Scheitererfahrungen und eine fehlerfreundlichere Gesellschaft.

Nach der gut einstündigen Führung wartete zum Abschluss ein grosszügiger Apéro auf die Anwesenden. Viele Fragen, die während des Referats und bei der Führung aufgetaucht sind, konnten in der Diskussion vertieft werden. Dementsprechend angeregt waren die Diskussionen.

 

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Die Ausstellung im Vögele Kultur Zentrum läuft noch bis am 26. März 2017.

 

 

 

Christian Kunz, Vorstandsmitglied Alumni FHNW Angewandte Psychologie, Januar 2017

News

 

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