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Thomas Bürgisser

Vergessener Kontrapunkt: Das schweizerische Jugoslawienbild im Kalten Krieg

Mit dem kriegerischen Zerfall Jugoslawiens wurden die im sozialistischen Vielvölkerstaat propagierten Geschichtsbilder von neuen, ethnisch-nationalistischen Narrativen verdrängt. Die systematische Umbildung der kollektiven Gedächtnisse führte in den jugoslawischen Nachfolgestaaten zu untereinander konkurrierenden Neuinterpretation der ehemals gemeinsamen Identität, zu einem, wie Todor Kuljić schreibt, «Bürgerkrieg der Erinnerungen». Auch die Wahrnehmung des jugoslawischen Raumes von aussen änderte sich ab 1990 radikal, als Medien und Politik für ihre Analysen zu den Ursachen der Konflikte in Jugoslawien auf, wie Maria Todorova es nennt, «balkanistische Diskurse» zurückgriffen: Das «Pulverfass Balkan», eine rückständige Region, ein rätselhafter ethnisch-religiöser Flickenteppich, auf dem seit jeher in blutigen Bruderkriegen archaische Konflikte ausgetragen werden, dominierte nun die Wahrnehmung.

Dieser deterministischen Sichtweise stelle ich ein historisches Bild entgegen, das heute fast vollständig vergessen scheint: Die Sicht schweizerischer Akteure auf einen sozialistischen, föderalistischen und blockfreien Balkanstaat – und die zahlreichen Affinitäten, die zwischen den beiden Gesellschaften bestanden. Meine 2017 erschienene Dissertation «Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg» zeigt verschiedene Aspekte einer intensiven Wechselwirkung zwischen den beiden eigentlich so unterschiedlichen Staaten auf, die jedoch unter den spezifischen Gegebenheiten der Epoche gemeinsame oder sich gut ergänzende Dispositionen struktureller Art und eine Reihe gemeinsamer Interessen aufwiesen.

Jugoslawien war seit den 1960er Jahren der wichtigste Handelspartner der Schweiz und der bedeutendste Kunde von Banken und Exportindustrie in Osteuropa. Hunderttausende schweizerische Feriengäste verbrachten ihren Urlaub an der jugoslawischen Adriaküste. Sicherheitspolitisch verfolgten beide Staaten ähnliche Ziele und vertraten diese, etwa im KSZE-Prozess, mit gemeinsamen Strategien. Der Erhalt des Status quo in der SFRJ war ein vordringliches Ziel schweizerischer Aussenpolitik, was sich in einem starken finanziellen Engagement gegenüber einem Regime niederschlug, das bis kurz vor seinem Untergang noch als Modellfall für die Strukturreform in Osteuropa galt.

Den nachhaltigsten Faktor dieser untergegangenen Wahlverwandtschaft stellt die jahrzehntelange Migrationgeschichte dar. Auch hier lässt sich mit dem Ausbruch der Jugoslawienkriege ein bedeutsamer Wahrnehmungswandel der schweizerischen Mehrheitsbevölkerung gegenüber der (post)jugoslawischen Migrationsbevölkerung feststellen. In den einstmals begehrten «Gastarbeitern», die von der Wirtschaft zu Zehntausenden rekrutiert wurden, sahen Politik und Medien nun vermehrt ein Problem. Lange stand die mit Abstand grösste ausländische Bevölkerungsgruppe unter dem Stigma des «Feindbild Jugo».

Mit einem kulturgeschichtlichen Instrumentarium arbeite ich Zuschreibungen schweizerischer Akteure auf Jugoslawien als einen einzigartigen Imaginations- und Interaktionsraum im Kalten Krieg heraus und kontrastiere sie mit späteren, negativ behafteten Vorstellungen.

Autor

Dr. Thomas Bürgisser

Bibliografie

  • Thomas Bürgisser: Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg. Schweizerische Perspektiven auf das sozialistische Jugoslawien 1943–1991. Bern 2017 (gratis Download: www.dodis.ch/q8).

  • Todor Kuljic: Umkämpfte Vergangenheiten. Die Kultur der Erinnerung im postjugoslawischen Raum. Berlin 2010

  • Maria Todorova: Die Erfindung des Balkan. Europas bequemes Vorurteil. Darmstatt 1999