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Kathrin Pavic

«Plötzlich sind wir alle nur noch gewalttätig gewesen.»1: Das «Serbenbild» während der postjugoslawischen Kriege in der Schweiz

Ausgangslage

Die postjugoslawischen Kriege hatten einen grossen Einfluss darauf, wie die Bevölkerung aus dem ehemaligen Jugoslawien im Westen und somit auch in der Schweiz wahrgenommen wurde.

Zuvor wurden die ethnischen und religiösen Unterschiede der in Jugoslawien lebenden Menschen kaum thematisiert – und wenn doch, dann meist auf eine folkloristische Weise. In der Kriegsberichterstattung, die durch eine zunehmende

«Medialisierung des Krieges» (Bilke 2008: 140) geprägt war, wurde aber deutlich zwischen den einzelnen Kriegsparteien unterschieden und deren ethnische Zugehörigkeit betont.

Im Falle «der Serben» haben die Berichte über die Kriege die öffentliche Wahrnehmung stark geprägt und belastet. Das kollektive Bild «der Serben» als Täter und Aggressoren trug zu einer Marginalisierung und Stigmatisierung dieser Bevölkerungsgruppe in der Schweiz bei (vgl. Mikić/Sommer 2003; FiF 2001; Baumberger 2005).

Theoretischer Hintergrund

Auf der theoretischen Ebene schliesse ich an Maria Todorovas (2009 [1997]) Konzept des Balkanismus an. In Anlehnung an Edward Saids «Orientalismus» versteht Todorova unter «Balkanismus» jene pejorativen Stereotypisierungen und Klischeebilder, die in westlichen Diskursen über den «Balkan» angewandt werden. In der Kriegsberichterstattung wurden «Balkanismen» wiederbelebt, die auf das ausklingende 19. und beginnende 20. Jahrhundert zurückgehen, als vom Balkan als Pulverfass gesprochen wurde. Von PR-Firmen, die von den einzelnen Kriegsparteien engagiert wurden, wurden u. a. Vergleiche zum Holocaust hergestellt (vgl. Beham 1996).

Fragestellungen und These

In diesem Beitrag werde ich mich einerseits darauf konzentrieren mit welchen Zuschreibungen die Serben als Kollektiv während der postjugoslawischen Kriege versehen wurden und andererseits soll auch thematisiert werden, welchen Einfluss diese Zuschreibungen auf in der Schweiz lebende Personen mit serbischem Migrationshintergrund haben.

Folgende Fragestellungen sollen dabei genauer betrachtet werden:

  • In wie fern unterscheidet sich das «Serbenbild» von jenem der anderen Kriegsparteien? Und welche historischen Vergleiche und Räume (z. B. «Balkan» und «Jugoslawien») sind für das «Serbenbild» während der postjugoslawischen Kriege in der Schweiz bedeutsam?

  • Welche Diskurse waren in der Diskussion über die an den postjugoslawischen Kriegen beteiligten Akteure in den Schweizer Medien und der Schweizer Politik bedeutsam?

  • Wie deuten in der Schweiz lebende SerbInnen diese Bilder und wie gehen sie damit um?

  • Welche gesamtgesellschaftlichen Herausforderung stellt/e das negative «Serbenbild» in der Schweiz dar?

Methodischer Zugang

Hierzu beziehe ich mich auf meine 2015 veröffentlichte Dissertation, in der ich neben einem diskursanalytischen auch einen biographischen Zugang gewählt habe.

Für diesen Vortrag lege ich einen besonderen Fokus auf Artikel und Leserbriefe, die von Juni bis August 1995 (zeitgleich zu Massaker von Srebrenica und Operation «Oluja» – dt. «Sturm») in der Neuen Zürcher Zeitung, Basler Zeitung und der Weltwoche veröffentlicht wurden.

Zusätzlich konzentriere ich mich auf jene narrativen Interviews, die ich im Rahmen meiner Doktorarbeit mit Serbinnen und Serben aus der Region Basel geführt habe. Hier soll der Frage nachgegangen werden, wie Menschen mit serbischem Migrationshintergrund in ihrer Lebensgeschichte mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Diskursen umgehen.

Keywords

Balkan, Balkanismus, Diskurs, Serbien, Repräsentation, Biographie

Autorin

Dr. phil. Kathrin Pavic

Bibliographie

  • Baumberger, Beno (2005): «Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Bildung der serbischen Community in den 1990er Jahren», in: Niederhäuser, Peter/Ulrich, Anita (Hg.): Fremd in Zürich – fremdes Zürich? Migration, Kultur und Identität im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich: Chronos, S. 123–134.

  • Beham, Mira (1996): Kriegstrommeln. Medien, Krieg und Politik, München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

  • Bilke, Nadine (2008): Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus, Wiesbaden: VS Verlag.

  • Fachstelle für interkulturelle Fragen der Stadt Zürich (FiF) (Hg.) (2001): Einblicke: Serbinnen und Serben in der Migration, Nov., Zürich: Präsidialdepartement der Stadt Zürich.

  • Mikić, Dejan/Sommer, Erika (Hg.) (2003): «Als Serbe warst Du plötzlich nichts mehr wert.» Serben und Serbinnen in der Schweiz, Zürich: Orell Füssli.

  • Pavić, Kathrin (2015): «Da habe ich alles, was Serbisch war, verteufelt.» Wie gesellschaftliche Diskurse die natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeiten von ethnischen Serbinnen und Serben in der Deutschschweiz beeinflussen, Bern/Berlin/Bruxelles/Frankfurt a. M./New York/Oxford/Wien.

  • Todorova, Maria (2009 [1997]): Imagining the Balkans, 2. Aufl., Oxford: Oxford University Press.


  1. Interview mit Branko R. (31.08.2011).