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Daniela Zunzer

«Ein Sieg und zugleich ein moralisches Debakel dieses Landes»:1 Die Erinnerung an die Operation «Oluja» 1995 in Kroatien heute

Ausgangslage

Aufruf einer kroatischen NGO (YIHR) zur Entschuldigung (Isprika) für die Ereignisse im August 1995 (Juli 2017) (Foto: YIHR)

Aufruf einer kroatischen NGO (YIHR) zur Entschuldigung (Isprika) für die Ereignisse im August 1995 (Juli 2017)
(Foto: YIHR)

Der 5.8. ist ein Spektakel in Kroatien – Sonderbeilagen in den Zeitungen, Sonderprogramm im Fernsehen, kroatische Flaggen in Geschäften und Wohnungsfenstern, Veteranenparaden usw. Es ist der

«Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit», nationaler Feiertag, der an die siegreiche Operation Oluja im August 1995 erinnert. Neben dem 18.11. als Gedenktag für die 1991 gefallene Stadt Vukovar ist der 5.8. das wichtigste Datum zur Erinnerung an den Krieg der 90er Jahre (Domovinski Rat).

Die Operation Oluja war die kriegsentscheidende Offensive der kroatischen Armee vom 4. bis zum 7. August 1995, in der es gelang, die 1991 selbst ernannte «Serbische Republik Krajina» zurückzuerobern. In der Folge kam es zu Rache- und Vergeltungsaktionen an der serbischen Zivilbevölkerung, sowie zu deren Flucht bzw. Vertreibung. Gegen drei Kommandanten wurde am ICTY Anklage wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und wegen Kriegsverbrechen erhoben.

These

Die kroatische Gesellschaft ist heute mehrfach tief gespalten. Neben dem Blick auf den Zweiten Weltkrieg geht es dabei v.a. auch um den Umgang mit dem Domovinski Rat. Die Ereignisse rund um die Feier des 5.8. zeigen exemplarisch die Charakteristika dieses kroatischen Umgangs mit der eigenen Rolle im Krieg sowie die sich daraus ergebenden Verwerfungen der kroatischen Gesellschaft.

Befunde

  • Bei der Frage der Legitimität der Operation Oluja ist der gesellschaftliche Konsens sehr breit, kaum existent dagegen bei den Fragen der Benennung und Anerkennung der Folgen, sowie der Übernahme der Verantwortung für eigene Verbrechen und die eigene Täterrolle (im gesamten Krieg).

  • Hoch ist dennoch die Zustimmung zum 2012 überraschend erfolgten Freispruch der (2011 vom ICTY zu langen Haftstrafen verurteilten) Generale Gotovina und Markač – jedoch mit sehr unterschiedlichen Begründungen.

  • Die staatlichen Gedenkfeiern (unter Einbezug der katholischen Kirche) bilden mit der Präsenz zum Teil rechtsnationalistischer Veteranenverbände einen sehr einseitigen und wenig versöhnlichen Blick auf die Ereignisse ab.

  • Von nationalistischen und gewaltverherrlichenden Auswüchsen, wie auch der Zurschaustellung faschistischer Symbole distanziert sich das offizielle Kroatien sehr zögerlich und undeutlich. Hier zeigen sich auch die Folgen nach wie vor ungelöster Altlasten der 90er Jahre.

  • Gegen diese Art des Umgangs gibt es klaren Widerstand in Kroatien. Wissenschaftler, Journalisten, NGO’s, Aktivisten und andere fordern seit Jahren einen multiperspektivischen, versöhnlichen und verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte. Nicht nur, dass das politisch derzeit kaum Niederschlag findet, setzen sie sich damit auch zum Teil persönlich verunglimpfender Kritik aus.

Autorin

Daniela Zunzer, Historikerin, Gymnasiallehrerin, Organisation diverser Studienreisen nach Ex-Jugoslawien (Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien). Mitarbeit in Euroclioprojekten zu Ex-Jugoslawien

Bibliographie:

  • Documenta — Centar za suočavanje s prošlošću (2007): Jedna povijest – više historija. Dodatak udžbenicima za najnoviju povijest. Zagreb : Profil
  • Nazor, Ante u.a. (2015) : Domovinski Rat. Čitanka priručnik za učitelje povijesti u osnovnim školama i nastavnike povijesti u srednjim školama. Zagreb: Skolska knjiga
  • Sense, SNV (2015): Oluja u Haagu – Storm in the Hague https://snv.hr/oluja-u-haagu/oluja-en.html 
  • Violic, Ivan (2017): 22 godine nakon Oluje, vrijeme je za pomirbu. Samo ćemo tako prerasti u zaista modernu građansku državu. In : Telegram 5.8.2017.

  1. Der kroatische Schriftsteller und Journalist Ivica Dikic in der TV-Sendung Nedjeljom u Dva, 23.4.2017