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«Jugoslawienkriege und Geschichtskultur»

Internationale Tagung am 27. Januar 2018 im Rahmen der Tagungsreihe «Erinnerung – Verantwortung – Zukunft»

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Das Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik am Zentrum für Demokratie Aarau veranstaltet am 27. Januar 2018 anlässlich des Holocaust-Gedenktags eine Tagung in der seit 2011 bestehenden Reihe «Erinnerung – Verantwortung – Zukunft».

Anliegen der Tagungsreihe ist die Auseinandersetzung mit vergangenem Unrecht und damit verbundenen gesellschaftlichen und schulischen Herausforderungen. Die Veranstaltungsreihe folgt zu diesem Zweck einem alternierenden Prinzip, wobei sich jeweils zwei aufeinanderfolgende Tagungen demselben Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zuwenden. Bezugspunkt der Tagungen bildet jeweils ein spezifisches vergangenes Unrecht.

Im aktuellen Tagungszyklus ist dies Unrecht im Kontext der Kriege in Ex-Jugoslawien in den 1990er Jahren. In der ersten Veranstaltung am 27. Januar 2018 werden wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet und Ereigniskomplex, Folgen, Umgangsweisen und Herausforderungen beleuchtet. Im Folgejahr soll das Thema dann didaktisch gewendet und Bezüge zur Vermittlungspraxis hergestellt werden. Dort zielt das Tagungsformat auf die reflektierte Präsentation von Materialien, Unterrichtseinheiten und von Praxis- bzw. Erfahrungsberichten.

Im Gegensatz zur geschichtskulturellen Auseinandersetzung in Bezug auf den Holocaust, der aufgrund seiner zeitlichen Distanz inzwischen nahezu vollständig zu einem Gegenstand des kulturellen Gedächtnisses geworden ist, besteht hinsichtlich der Jugoslawienkriege ein starkes Nebeneinander kommunikativer und kultureller Gedächtnisanteile.1 Ein Teil der schweizerischen Bevölkerung verbindet eigene biographische Erinnerungen mit den Ereignissen, viele heutige Schülerinnen und Schüler haben unmittelbare familiäre Bezüge zur betroffenen Region und Thematik, wohingegen anderen Bevölkerungsteilen die Ereignisse ausschliesslich medial bzw. geschichtskulturell vermittelt im Bewusstsein sind. An diese pluralen Bedingungen knüpfen sich spezifische Herausforderungen für eine schulische wie auch gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Der am 27. Januar 2018 stattfindende erste Teil des Tagungszyklus verfolgt das Ziel, folgende thematische Schwerpunkte abzudecken:

  • Historische Analysen vergangenen Unrechts im Kontext der genannten Kriege (z. B. Massaker von Srebrenica), mit multiperspektivischer Berücksichtigung der Vielzahl an beteiligten und betroffenen Gruppen, Standpunkte und Interessenlagen,

  • Historische Analysen der Folgen und Nachgeschichte vergangenen Unrechts (z. B. Flucht-und Migrationsbewegungen und -erfahrungen), wiederum möglichst unter Realisierung einer multiperspektivischen und kontextsensiblen Betrachtung,

  • Analysen von historischen oder aktuellen geschichtskulturellen Umgangsweisen mit vergangenem Unrecht im Kontext der jugoslawischen Kriege, unter Berücksichtigung einer Bandbreite geschichtskultureller Manifestationen und unterschiedlicher kollektiver Erinnerungspraktiken, dabei vorzugsweise mit Fokussierung auf geschichtskulturelle Umgangsweisen in der Schweiz, aber nicht darauf beschränkt,

  • Analysen und Reflexionen über geschichtskulturell wirksame kollektive, ethnische, kulturelle oder auch räumliche Kategorien und Zuschreibungen (z. B. «die Serben», «der Balkan») bzw. «narrative Abbreviaturen» (Rüsen 2008) (z. B. «Srebrenica»), deren Ausprägungen, Funktionen, mögliche inhärente Verkürzungen und Herausforderungen,

  • Analysen und Reflexionen zu den aktuellen Bedingungen und Herausforderungen für demokratische und plurale Gesellschaften im Allgemeinen und Geschichts- und Politikunterricht im Besonderen im Umgang mit den historischen Ereignissen und deren geschichtskultureller Thematisierung, wiederum mit Bezug auf die Situation in der Schweiz oder darüber hinaus.


  1. Unterscheidung des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses nach Assmann (2007), Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 6. Aufl., München: C. H. Beck, S. 48 ff.